Der Besuch von Papst Benedikt XVI. in Brasilien

Benedikt XVI. besuchte Brasilien aus Anlass der 5. Vollversammlung der Episkopate Lateinamerikas und der Karibik. Auf seinen Wunsch fand sie am Marienwallfahrtsort Aparecida hier im Lande statt. Die Freude, ja Begeisterung war ungeheuerlich, vorher, während und nach dem Ereignis. Ich war bei seiner Begegnung mit ca. 40.000 Jugendlichen in einem überfüllten Stadion in São Paulo dabei, dann bei der Heiligsprechung des ersten brasilianischen Heiligen, des Franziskaners Frei Antonio Galvão, mit etwa eineinhalb Millionen Menschen, die ruhig, innerlich froh, ja begeistert teilnahmen. Mit uns brasilianischen Bischöfen traf sich der Papst im Dom von São Paulo. Auch am Eröffnungsgottesdienst der 5. Vollversammlung vor der riesigen Wallfahrts-Basilika Maria-Aparecida nahm ich mit 150.000 anderen teil, und schon am Vorabend am gut gestalteten Rosenkranzgebet in der überfüllten Basilika. Am bewegendsten war für mich die kleinste der "Massenveranstaltungen" mit ca. 4.000 Angehörigen und Freunden der Drogenentwöhnungs-Farmen "Fazenda da Esperança" aus vier Erdteilen, in den Bergen bei Guaratinguetá, fünf Kilometer entfernt von Aparecida. Jene Tage ging eher ein Sturm als ein Hauch der Begeisterung durch das Land: eine ganze Nation hing am Fernsehen. Nicht nur die drei katholischen, auch die anderen Privat-Fernsehsender begleiteten den Papstbesuch auf Schritt und Tritt, immer wieder live, z.T. rund um die Uhr. Man sah dem Gesicht des Papstes seine Freude an, schon zu Beginn, aber von Tag zu Tag mehr. Die Begeisterung der Menschen machte es auch seinem eher zurückhaltenden Charakter leicht, sich frei und wohl zu fühlen.

Er erinnerte den Präsidenten des Landes, wo gerade Gesetzesentwürfe zur Liberalisierung der Abtreibung und andere, die die christliche und naturgesetzliche Ordnung von Ehe und Familie verletzen, in aller Munde waren, an die gesunde Lehre und das wahre Gemeinwohl. Er bekam sogar von den Jugendlichen herzlichen Beifall, als er das Ideal der Jungfräulichkeit und eine dem Evangelium entsprechende Ehevorbereitung herausstellte. Die härtesten Warnungen richtete er an die Drogenhändler, die das Leben und Glück von Millionen Jugendlicher aufs Spiel setzen. Wie schon Jesus sagte: Besser wäre es für einen solchen Verführer, er würde mit einem Mühlstein am Hals ins Meer versenkt ...

Dies sagte er beim Besuch der Ex-Drogenabghängigen. Dort erreichten diese Tage nach allgemeinem Urteil ihren tiefsten und bewegendsten Höhepunkt. Viele Augen blieben nicht trocken, besonders bei den sechs Lebens-Zeugnissen junger Menschen, die durch die Entwöhnungsfarm zum Leben zurückgefunden haben. Einer der vier anwesenden Landesministerpräsidenten vergoss geradezu Ströme von Tränen, wie jemand in seiner Nähe beobachtete. Auch für mich waren es sehr starke Augenblicke. Das schönste Foto dieser Tage wurde dort geknipst: die Umarmung mit vier kleinen Ex-Straßenkindern auf einmal.

Ganz zu Beginn wurde kritisiert, dass der Papst die mit dem Kommen des Evangeliums nach Südamerika verbundenen Verbrechen der europäischen Kolonisatoren nicht erwähnt hatte. Dem großen Eindruck gegenüber, der ihm sogar die volkstümliche Ernennung zum "Papa brasileiro" einbrachte, fiel dies jedoch kaum noch ins Gewicht. Er hat es dann von Rom aus auch nachträglich korrigiert.

Bischof Reinhard

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