Nachrichten aus der Diözese - Die jährliche Woche des Bischofs mit den Seminaristen***

Die Seminaristen waren diesmal (nur) neun, denn zwei, die im Dezember ihre Theologie abschließen konnten, sind nun schon "diaconandi", damit schon eine andere Kategorie, zwei waren an einer Fakultät zu einem Ferienkurs, der ihnen die staatliche Anerkennung ihres Philosophiestudiums ermöglicht und einer verbringt dieses Jahr im Mariapoli-Zentrum bei São Paulo.

Diesmal verlebten wir diese Woche in einem "Quilombola"-Dorf mit etwa 30 Familien - im Umland von Vargem Grande (18 km vom Stadtzentrum entfernt). "Quilombos" waren in der Sklavenzeit die Dörfer entlaufener Sklaven, die dort z.T. erstaunliche, autonome Gemeinwesen geschaffen hatten. Das heutige Recht ermöglicht die Anerkennung generationenalter Siedlungen als "Quilombola"-Land, ganz gleich, wer später auf irgendeine Weise in den Besitz eines Eigentumstitel über das betreffende Gebiet gekommen ist. Von diesem Dorf erzählt man, die Vorfahren hätten in der Zeit vor 1880 einem (portugiesischen) Priester als Plantagenarbeiter gehört und dieser hätte, als die Abschaffung der Sklaverei die Fortführung des Betriebes im alten Stil unmöglich machte, ihnen das Land seiner Fazenda überlassen (und sei dann in seine Heimat zurückgekehrt).

Und nun stelle man sich vor: Wo es vor fünf Jahren noch keinen Strom gab und die Leute in strohgedeckten Lehmhütten wohnten, kam seitdem nicht nur der Strom, sondern konnten sie sich mit "a fond perdu" vom Staat gegebenen Mitteln ziegelgebaute und –gedeckte Häuser bauen, haben sie einen artesischen Brunnen mit Wasseranschluss in den Häusern, eine ordentlich gebaute (schon wieder etwas heruntergekommen aussehende) Schule, Gemeinschafts-Fischteiche und -Obst- und Gemüsepflanzungen (angelegt mit Hilfe  öffentlicher Gelder, die ihnen ein Stadtverordneter vermittelt hatte), eine ordentliche gemeinsame Waschanstalt, einen gemeinschaftlichen Handy-Telefonanschluss, einige dem Bewohnerverein gehörende Motorräder und eine mit Padre Vicentes Hilfe gebaute Kapelle, in deren angeschlossenem Saal – man höre und staune – fünf Computer ans Stromnetz angeschlossen sind, damit die Jugend dort angebotene entsprechende Kurse besuchen kann.

Die Dorfgemeinde gilt als Vorbild für andere, auch beim Gouverneur, der sie schon mal per Hubschrauber besucht hat. Die meisten sind miteinander verwandt und versippt, was das Gemeinschaftsbewusstsein und das gegenseitige Vertrauen erleichtert, das in der großen Mehrzahl anderer Dorfgemeinden sehr schwierig ist und zu vielen Entwicklungshindernissen (Korruption, Misswirtschaft, Hinterziehung von Kreditmitteln) führt.

Die Woche war eingeteilt wie immer: Je ca. ein Tag für Rückblick und Auswertung des letzten Jahres, Einkehrtag, Studium (einer von ihnen hatte ein Thema vorbereitet – über Kommunikation), "Mission" (1 ½ Tage auch in den umliegenden Dörfern), Sport und Spiel (ein nachmittägliches Fussballspiel mit der Dorfmannschaft – sie mussten durch andere verstärkt werden und verloren, aber mit Würde und Gleichmut) und ein Vormittag an einem schönen Stausee, den ich bei der Gelegenheit mit vieren in ca. einer Stunde umwanderte, einem bunten Abend vor der Kapelle, täglicher, von den Dörflern gut besuchter Messe und Stundengebet morgens und mittags, nachmittags oder abends, je nachdem. Zum Kochen des Mittag- und Abendessens hatte die Frauen des Dorfes sich eingeteilt, wir konnten nur für das Frühstück sorgen und etwas beim Abspülen helfen. Mehr ließen die guten Leute nicht zu. Nahrungsmittel wurden z.T. vom Dorf gespendet und (zum größeren Teil) von uns (sprich den damit beauftragten Seminaristen) in der Stadt eingekauft.

Zwischendurch konnte ich mit jedem einzelnen ein recht gutes Gespräch führen. Einer (etwas verschlossen und ohne viel Initiative, aber sympathisch, für sein Studienjahr jung, sehr intelligent, aus ganz armer Familie) entschied sich, ein Jahr auszusetzen, bei seiner Familie zu wohnen und durch Schulunterricht dazu das nötige Geld zu verdienen. Freute mich sehr, hatte ich doch selber am letzten Jahresende diesen Vorschlag gemacht, aber dann zurückgesteckt, als der Spiritual dies psychologisch für zu wenig vorbereitet hielt und wir den Burschen nicht schockieren wollten. Nun kam er selber mit der Idee. So lernt er mehr Eigenverantwortung für sein Leben zu übernehmen und überlegt sich alles noch einmal. ...

Bischof Reinhard

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