Advents-Rundbrief 2010 von Pe. Josť Wasensteiner

21. Dezember 2010 - Liebe Freunde! - Während uns Fotos von meterhohen Schneemassen aus Deutschland erreichen, sticht hier bei uns in Codó weiterhin die Äquatorsonne heiß und unbarmherzig auf die Erde.

Blühender BaumNichts erinnert hier an den "traditionellen" Advent, den wir kennen: Schnee und Glühwein, Weihnachtsfeiern und Adventskranz. Nur manchmal fährt ein Propagandaauto vorbei, aus dem aus übersteuerten Lautsprechern verzerrt irgendein Weihnachtslied dröhnt.

BlütenUnd doch, auch hier ist Advent, Vorbereitung auf Weihnachten. Die Natur hier ist vielleicht sogar adventlicher als in Europa: die ersten Regengüsse künden bereits die erwartete Regenzeit an. Die Hitze wird zwar noch nicht weniger, im Gegenteil, es herrscht dann Waschhausklima, aber die ersten Bäume fangen an zu blühen, die Wüste, d.h. die Folgen einer halbjährigen Trockenzeit und Dürre, fängt an, auszuschlagen und zu grünen, Lilien sprossen aus dem steinharten, trockenen Boden, der Regen, der bereits vereinzelt auf die Schotterstraßen im Interior prasselt, bereitet den Staubwolken ein schlagartiges Ende und lässt die Lungen wieder frei atmen. Die Natur steht in Erwartungshaltung, bereitet sich auf ihre fruchtbarste Zeit des Jahres vor. Advent im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Zeichen der Hoffnung – wenigstens in der Natur.

BauerDie Bauern haben – in der Hoffnung auf Regen – seit Monaten in mühsamer und schwerer Arbeit ihre Felder vorbereitet. Jetzt warten sie, dass die Himmel tauen und das kostbare Nass herabregnen, um Nahrung und Unterhalt ihrer Familien für ein weiteres Jahr zu garantieren. Advent ganz konkret.

Im gesellschaftlichen Leben stehen die Zeichen gar nicht recht auf Hoffnung und Leben. Es geschehen viele Ungerechtigkeiten, Unterdrückungen, Zerstörung von Leben. Das tut weh. In letzter Zeit hatten wir viele Beerdigungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die ermordet wurden. Es scheint, das Leben, das menschliche Leben ist nichts wert. Zum Teil handelte es sich um Diskussionen bei irgendwelchen Festen, der Grund der meisten Morde aber, vielfach Kinder von engagierten Familien in der Pfarrei, war ein anderer. Betreffende Ermordete gerieten in Kreise Dorgenabhängiger und nahmen selbst Drogen. Dann, als sie aussteigen wollten, wurden sie bedroht. Die Drogenbanden dulden das nicht mehr, und die Strafe ist dann immer die Tötung des Opfers, sei es durch Erschießen, Erstechen, Verbrennen oder andere grausame Methoden. Letzten Sonntag beerdigten wir einen 26-jährigen Mann, Vater von drei kleinen Kindern. Vor einem halben Jahr schaffte er es, sich von Drogen zu befreien und einen festen Arbeitsplatz bei einer einheimischen Firma zu bekommen. Ehefrau und Eltern waren überglücklich. Am besagten Sonntag wurde er von einem seiner ehemaligen "Freunde" in eine Bar eingeladen, wo er  zuerst erschossen wurde und ihm dann der Hals abgeschnitten wurde. Als die Polizei kam, so erzählte mir die Mutter des Verstorbenen, schaute ein Polizist ihn an und sagte: "Gott sei Dank, wieder einer weniger!" Für die Eltern ist es auch schwer auszuhalten, und sie empfinden es als eine Provokation. So sagten sie mir, dass zum aufgebahrten Toten viele der Ex-Kumpel, darunter auch die Mörder, kommen, in ihrer Tätowierung und Aufmachung, nicht um zu trauern, sondern um sich zu vergewissern, dass er wirklich tot sei. Die Eltern kennen die Mörder, aber sie wissen, dass die Polizei nichts tun wird, wenn sie sie anzeigen würden. Im Gegenteil, sie müssten mit weiteren Verfolgungen der Bande rechnen. Also bleibt alles, wie es ist, der Alltag geht weiter, man übergibt den Fall der Gerechtigkeit Gottes.

MesseIm Interior, im ländlichen Gebiet unserer Pfarrei, bahnt sich ein schwerer Konflikt an. Eine Firma namens Costa Pinto, der 13.000 Hektar Land auf unserem Pfarreigebiet gehören, ließ den Bewohnern auf diesem Gebiet, an die 20 Dörfer mit Hunderten von Familien, ankündigen, dass sie nächstes Jahr, 2011, das ganze Gebiet mit schweren Maschinen roden werde, um Zuckerrohr für Industriealkohol und Soja für Biodiesel zu pflanzen. Konkret heißt das dann, dass Wälder und Dörfer dem Erdboden gleich gemacht werden. Am letzten Samstag zelebrierte ich die Messe in einer dieser Gemeinden im Interior namens Queimadas.

Die Menschen sind verunsichert. Senhor Antônio, 59 Jahre alt, erzählte mir, dass er in diesem Dorf Queimadas geboren wurde. Er ist Bauer, Analphabet, aber ein Professioneller auf seinem Gebiet. Er kennt sich aus in der Landwirtschaft. "Wenn sie mich rausschmeißen, dann muss ich in die Stadt. Was soll ich dann tun: kein Land zum Bebauen und Hühner und Schweine zu halten, wovon sollen ich und meine Familie leben? An jeder Ecke eine Bar. In dieser Situation muss man ja zum Säufer werden. Mein Leben ist ruiniert." So klagte er mir sein Leid, das das Leid und die Sorge aller ist.

Die Staatsregierung setzt auf Wirtschaftswachstum und unterstützt folglich Investitionen einer solchen Firma und subventioniert sie auch. Aber was wird aus den Familien, aus der Abholzung von 13.000 Hektar Wäldern? Wir als Kirche sehen den Schutz dieser Familien und des Waldes als den Willen Gottes und verteidigen die Rechte der Bauern. Pater Bento, Pallottiner, der zu unserer Hausgemeinschaft gehört und Mitglied der Landpastoralkommission der katholischen Kirche auf Diözesanebene ist, hat alle Dörfer und Familien besucht und ein Dokument ausgearbeitet, das die Betroffenen unterschrieben, oder ihren Fingerabdruck gegeben haben. Dieses Dokument basiert auf rechtlichen Grundlagen der brasilianischen Konstitution, wonach Landbewohner nach fünf Jahren Recht auf das Land haben, das sie bewohnen. Aber wir wissen auch, wie das Recht hier getreten wird, wie die Gewalt stärker ist als das Recht. Es ist ein Kampf wie David und Goliath, vor allem, weil wir mit den Institutionen des Staates, der Umweltbehörde u.a. nicht rechnen können. Aber wer weiss: David hat auch Goliath gestürzt ...

Ja, so fragt man sich dann: Wo ist da Advent? Wo sind die Zeichen der Hoffnung? Wo wird denn Christus geboren?

Ich glaube, die Situation unseres Volkes ist sehr ähnlich der Situation des Alten Testamentes: ein Volk in Gefangenschaft, das sich nach Freiheit sehnt. Und die Propheten künden die Freiheit an, den Weg durch die Wüste, die Erneuerung der Erde, den Frieden, die Gedrückten und Unterdrückten, die Kranken und Gelähmten, die jubeln und sich freuen werden. Das Volk hat eine unbändige Sehnsucht nach Leben und Freiheit, es wartet auf Befreiung und Erlösung, es lebt und erlebt die Ketten und Fesseln, die Folgen von Egoismus und Habgier, von Gewalt und Unterdrückung.

Weihnachtsbaum"Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht", werden wir in der 1. Weihnachtslesung hören. Das Dunkel erfahren die Menschen jeden Tag, wo ist das Licht? Wo wird der Messias geboren? Auch das erfahren sie, ansatzweise, in der Glaubensgemeinschaft der Kirche, die Kraft und Trost gibt, ein Hoffnungsschimmer und ein Stückchen Frieden im aufgewühlten Schmerz, im Impuls, sich zu organisieren, zusammenzuschließen, Widerstand zu leisten, Leid und Hoffnung, Trauer und Unsicherheit zu teilen. Im "Trotzdem" des Lebens, das sich nicht mit Gewalt, Ungerechtigkeit und Tod abfindet, sondern sich seinen Weg durch den harten Asphalt der Mächtigen bahnt.

Im aktiven Warten des Advents wird die Geburt neuen Lebens in uns vorbereitet, und Weihnachten geschieht, ohne Sentimentalismus und Geschenke, aber real, als Geburt neuen Lebens.

Euch allen vielen Dank für das Mitgehen, Anteilnehmen im Laufe dieses Jahres, für alles Teilen, die Gebete und Spenden, ohne die der Unterhalt unserer Projekte nicht möglich wäre.

Ein gesegnetes und lebendiges Weihnachtsfest
wünscht Euch

Sepp Wasensteiner, SAC