Basisgemeindeleiter Raimundo Chagas ermordet

14. Januar 2010 - “Sie haben wieder einen Bruder umgebracht,” heißt ein populäres Lied unserer Basisgemeinschaften, das die tagtäglich grausame Wirklichkeit von Unrecht und Gewalt zum Ausdruck bringt. Und das Lied geht weiter: “Aber er wird auferstehen.”

Feige, wie bei allen Gewaltakten im Fall Vergel, da die Attentäter keien Mut haben, einem offenen Konflikt ins Auge zu sehen, wurde Raimundo Chagas ermordet, so wie schon vor ihm Lúcio in den 80er Jahren und Alfredo am 28. August 2007 in der gleichen Gemeinschaft. Feige, hinterrücks mit einer Schrotflinte aus nächster Nähe.

Raimundo und Pe. JoséAls Raimundo an jenem 14. Januar 2010 nachmittags gegen fünf Uhr zusammen mit zwei seiner Enkel, zwölf und zwei Jahre alt zum Tümpel neben seinem Haus in Vergel zum Baden ging, ahnte er wohl nicht, dass er nicht mehr zurückkehren werde. Der erste Schuss ging in den Rücken, Nierenhöhe. Raimundo, aufrecht schrie seinen Mördern zu: “Feiglinge!” Der zweite Schuss riss ihm den halben Hals weg. Er rief noch nach seiner Ehefrau, die in der Hütte das Abendessen vorbereitete, fiel nieder und verblutete auf der Stelle. Die Kinder gerieten in Panik. Das zweijährige Mädchen wollte sich im Tümpel ertränken. Wie Raimundo lebte, so starb er: mutig, aufrichtig und besorgt um die anderen, besonders seine Familie. Übrigens das badende Kind im Schubkarren auf dem Bild, das ich im letzten Rundbrief versandt habe, ist eine seiner Enkelinnen neben seinem Haus in Vergel.

Wer war Raimundo Chagas? Analphabet, ein einfacher Bauer, ein Mann des Glaubens, der Kirche und der Comunidade, Leiter, natürliche Autorität. Er fuhr mit seinem alten Fahrrad mit seiner zweijährigen Enkelin am Gebäckträger zu allen Messfeiern, die ringsum in den Basisgemeinschaften während des Jahres stattfanden. Warum? Weil er die Notwendigkeit des Gebetes und der Einheit in der Gemeinschaft spürte. Er wusste, spürte und lebte beispielhaft, dass die großen Herausforderungen, denen er sich tagtäglich gegenüber sah, nur in einem tiefen Glauben und Vertrauen auf einen lebendigen Gott ausgehalten und gemeistert werden konnten. Was waren das für Herausforderungen? Beständige Provokationen, Morddrohungen über Jahre hinweg, mündlich und schriftlich.

Familienangehörige am Sarg von RaimundoRaimundo war ein vorbildlicher Vater und Ehemann, ein zärtlicher Opa. Er scherzte gerne. Wo er war, blieb niemand traurig. Er lachte viel und laut. Wo er war, versprühte er Freude und Frieden. Die Leute mochten ihn. Woher nahm er die Kraft, die Gelassenheit, die Ausdauer und die Freude in einem Klima und Umfeld von Gewalt, Verfolgung und Bosheit, Resultate von Neid und Habgier seiner Feinde, die sein Land wollten? Aus seinem unerschütterlichen Gottvertrauen.
Nur wer weiß, was Raimundo, seine Familie und seine Basisgemeinde seit Jahrzehnten erlitten und erleiden, kann die Größe dieses Mannes bewundern, der niemals weder Gewalt anwandte, noch Niedergeschlagenheit zeigte. Um was geht es?

Raimundo ist neben einigen anderen rechtmäßiger Erbe eines fast 2000 Hektar großen Gebietes, reich an Wald und Holz. Nie wurden sich die elf Erben über die Verteilung einig. Raimundo gehört bereits zur zweiten Generation. Einige Erben verkauften um einen Spottpreis illegal, das heißt ohne Dokumente, ihren Anteil an mächtige und einflussreiche, sagen wir korrupte Reiche. Diese bestechen die Justiz und versuchen, sich des ganzen Landes um jeden Preis zu ermächtigen. Durch Einschüchterungsversuche schafften sie es, einen Teil der Erben bereits von ihrem Land zu vertreiben. Seit 1984 ist der Prozess bei der Justiz. Unzählige Male begleitete ich Raimundo und andere zur Polizei und vor Gericht, um Morddrohungen registrieren zu lassen, Fälle, wo Häuser angezündet wurden (zweimal das Haus von Raimundo), Felder in Brand gesteckt wurden und die ganze Ernte verbrannte, Weidezäune durchgeschnitten wurden und das Vieh der Reichen die Ernte fraß. Es gab Zeiten, da mussten sich die Männer nachts in den Wäldern verstecken, um das Dorf gegen nächtliche Invasoren zu verteidigen. Raimundo blieb standhaft und verließ sein Land nicht. Zwei Erben, die um die rechtmäßige Erbaufteilung besorgt waren und ein Inventarium anstrebten, wurden feige wie Raimundo hinterrücks erschossen. Ein weiterer klagte vor Gericht einen versuchten und beinahe erfolgreichen Mord an: noch heute stecken bei ihm, seiner Frau und einem Sohn Raimundos, der gerade einen Besuch machte, Schrotkugeln im Körper, die man nicht herausoperieren konnte. Die Justiz reagierte nie, um die wirklichen Erben zu verteidigen oder beschützen und die Agressoren zu verurteilen. Im Gegenteil: vor Gericht wurden unsere Analphabeten mehrmals gedemütigt und das Recht verdreht.

Vor zwei Jahren, Anfang 2008, zeigte mir Raimundo eine schriftliche Notiz, in der unter anderem geschrieben stand: “Wir werden mit Dir das Gleiche machen, was wir mit Alfredo machten!” Alfredo war ein halbes Jahr zuvor ermordet worden. Wir registrierten den Fall bei der Polizei. Diese suchte die Wohnung dessen auf, der unterschrieben hatte. Es war Raimundo, der der Polizei das Haus in Codó zeigen musste, weil die Polizei keine Ahnung hat, und überrascht bestätigte der Bewohner, der Autor der Notiz gewesen zu sein. Außer einem Verhör fand weiter nichts statt. Der Mann blieb auf freiem Fuß, obwohl er doch eine Morddrohung ausgesprochen und einen anderen Mord bestätigt hat. Die Justiz unternahm wie immer nichts. Ein Rechtsanwalt, den wir seit 2003 eingeschaltet haben, erreichte auch nichts.
Aufgrund der Straffreiheit wurden die Gegner immer dreister. Um alles in der Welt wollten sie das Land von Raimundo. In diesem organisierten Verbrechen mit angeheuerten professionellen Pistoleiros bahnte sich jetzt die Endlösung an. Vor drei Monaten steckten sie das Feld von Raimundo in Brand, das direkt an sein Haus angrenzte. In einem persönlichen Gespräch mit der Richterin in Codó kurz danach äußerte ich meine große Sorge im Hinblick auf das Leben von Raimundo. Die Richterin ließ sich vom Sekretär den Prozess bringen, der seit 1984 offiziell besteht. Sie blätterte darin herum und stellte fest, dass wichtige Dokumente fehlten, verschwunden sind. Sowohl bei der Polizei als auch im Gericht sind Gegner infiltriert. Allerdings unternahm sie nichts, sagte nur, dass sie überlastet mit anderen Prozessen sei.

Raimundo blieb auf seinem Land, blieb resistent. Unschuldig und mit seinem reinen Herzen konnte er sich vielleicht nicht vorstellen, wozu seine Gegner fähig wären, konnte er nicht glauben, dass Bosheit und Habgier im Leben eines Menschen wichtiger sein könnten als Wahrheit und Würde. – Oder doch?

Jedenfalls teilte er seiner Familie vor einiger Zeit mit: “Wenn sie mich einmal töten sollten, dann wartet bitte nicht zu lange mit dem Begräbnis. Ich möchte nicht, dass jemand, der an meiner Beerdigung teilnimmt, durch den faulen Geruch verstimmt wird.” Immer besorgt um die andern. So lebte er, so starb er.

Und wir verlieren in Raimundo Chagas einen vorbildlichen Basisgemeindeleiter, einen aufrichtigen und engagierten Christen, einen Mann, der Glauben als Frohbotschaft vermittelte, einen ausdauernden Kämpfer, einen Friedensvermittler, der die Würde selbst seiner Feinde respektierte.

Und mit ihm verlieren wir den letzten Funken Hoffnung in eine Justiz, die eigentlich dazu da wäre, jene zu verteidigen, die Recht(e) haben.

Ich habe Raimundo bewundert und von Herzen gemocht.

Codó, 18. Januar 2010
Pe. José, São Raimundo, Codó - MA