Pe. José Wasensteiner berichtet aus Codó

7. Mai 2009 - Viele Nachrichten kreisen über den Globus im Hinblick auf die Überschwemmungen in Brasilien. Anbei ein paar Notizen und Bilder von hier vor Ort.

Das Klima spielt in der Tat verrückt. Gab es letztes Jahr Hochwasser im Süden Brasiliens und Trockenheit hier im Nordosten, so ist dieses Jahr die Situation gerade umgekehrt: Hochwasser im Nordosten und Trockenheit im Süden. Betroffen vom Hochwasser ist nicht nur der Bundesstaat Maranhão, sondern auch Piaui, Ceará, und der Nordstaat Pará (bekannt durch die Pará-Nüsse), ein Gebiet von etwa fast der Größe Europas. Unser Bundesstaat Maranhão hat 217 Städte, davon sind 41 von den Überschwemmungen betroffen, diejenigen, die an den Flüssen liegen. 50.079 Obdachlose im Ganzen. Brücken von Bundesstraßen wurden weggeschwemmt, die Straße zur Hauptstadt nach São Luís ist unpassierbar. Zuerst fuhren die Omnibusse noch bis zur fortgeschwemmten Brücke, die Passagiere stiegen aus und setzten mit einem Boot über. Drüben wartete ein Omnibus, um die Passagiere weiter zu transportieren. Aber nachdem seit zwei Wochen diese Situation andauert, sämtliche Lastwägen nicht weiter können, und die Regierung ankündigte, dass eine neue Brücke aus dem Süden komme, was aber noch dauern könnte, machten die Lastwagenfahrer aus Protest Straßenbarrikaden in etwa 30 km Entfernung, um sämtlichen Verkehr zu stoppen und die Regierung zu schnellerem Handeln zu zwingen.

Durch die übermäßig vielen Regenfälle stieg der Fluss Itapecuru, der durch Codó fließt, gewaltig an und trat über die Ufer. Das Wasser stand meterhoch in den Straßen, wo kurz vorher noch Fahrräder und Motorräder zirkulierten, fuhren jetzt Boote. Am meisten traf es die Menschen, die am Rande eines Sumpfgebietes in unserer Pfarrei ihre Häuseer bauten. Der Fluss stieg und mit ihm der Wasserspiegel im Sumpfgebiet. Da es keine Kanalisierung gibt und alle Häusser ihre Klos im Garten haben, zudem das Wasser "stehend" steigt und nicht abfließt, trat der ganze Dreck und Schmutz in die Häuser und Straßen ein. Menschen, die mit dem Wasser in Berührung kamen, leiden an Mikosen, Fieber, Schüttelfrost. Hoffentlich brechen keine Seuchen und Epidemien aus.

Seit 20. April haben wir bereits Hochwasser, so dass verschiedene Familien bereits ausgesiedelt werden mussten, aber wegen weiterer unablässiger Regenfälle verwandelte sich ab der Nacht vom 2. auf 3. Mai das Ganze in ein enormes Chaos. Laut Statistiken der Stadt sind jetzt 889 Familien, insgesamt 3.206 Personen obdachlos geworden. Davon sind in unserer Pfarrei São Raimundo 58 Familien mit knapp 300 Personen in unseren Pfarrzentren unserer Stadtteile São Raimundo, São José, Nossa Senhora de Fátima, Brinkedothek und Kindergarten untergebracht, allein im Stadtteil São Raimundo 42 Familien mit über 200 Personen. Wer weiß, wie lange. Auch unsere Sekretärin ist betroffen. Sie wurde mit ihrer Familie in den Kindergarten evakuiert, arbeitet aber tagsüber weiter als Sekretärin in der Pfarrei. Ein Todesopfer ist zu beklagen, verschwand in den Fluten.

Ja, es ist katastrophal, ganze Häuser verschwanden unter der Wasseroberfläche. Der Staatspräsident kam am Dienstag, 6. Mai, in den Nordosten. Viel Geld wird für den Wiederaufbau nötig sein. Er versprach Hilfen in Milliardenhöhe. Jetzt hoffen wir, dass die Hilfen auch ankommen: Nahrung, Kleidung, Medikamente. Dann der Wiederaufbau der Häuser, Straßen, Elektrizität, Telefon- und Wasserleitungen und vieles mehr.

Wir halfen den ganzen Sonntag und Montag, Leute mit ihrer ganzen Habe aus ihren Häusern zu retten. Ein Glück, dass sie nicht viel haben: ein Bett, eine Matratze, ein paar Hängematten, ein kleiner Tisch, ein paar Stühle oder Hocker, vielleicht einen Gasherd oder Fernseher, eventuell einen Kühlschrank, eine Plastiktüte mit Wäsche, einen kleinen Schrank, einen Hund oder einige Katzen. Das alles hat gut auf unserm Toyota Platz. Viele Freiwillige, vor allem unsere Jugendlichen halfen, die Habseligkeiten der Menschen auf den Toyota zu verladen. Oft mussten sie bis zur Hüfte, manchmal bis zum Hals im Wasser waten und weit auf den ehemaligen Straßen gehen, um zu retten, was zu retten war, und die Sachen auf den in seichteren Gegenden wartenden Toyota zu laden. Gott sei Dank halfen auch andere Lastwägen. Aber die Transporte, auch von der Stadt, waren viel zu wenig. Viele Leute verloren ihre Habe: Schränke, Betten und Matratzen sowie die Reisernte des letzten Jahres, in Säcken gelagert.

Täglich besuchen wir die Leute in unseren Zentren. Sie sind voller Eindrücke, möchten erzählen, klagen ihr Schicksal. Eben erzählte mir eine Frau ihre Geschichte. Vor einigen Jahren heiratete sie, ich selbst habe die Trauung im Interior gehalten. Der Mann ging nach São Paulo, um zu arbeiten, Geld verdienen, damit sie sich ein Häuschen in der Stadt kaufen könnten. Doch dort nahm er sich eine andere Frau, Geld schickte er nie. Die Frau zieht ihre fünf Kinder alleine auf. Vor zwei Jahren starb ihre älteste Töchter mit weiteren fünf Kindern. Ehemann hatte sie keinen. Jetzt zieht sie zehn Kinder alleine auf. Sie verdiente sich ihr tägliches Brot vom Verkauf von Gemüse. Das Haus, wo sie wohnte, war gemietet. Total zerstört. Schrank, Wäsche und Hängematten nahmen die Fluten mit. Jetzt weiss sie nicht, wo sie wohnen soll. Sie sprach mit Leuten von der Stadt, die ihr den Bau eines Häuschens versprachen. - Aber erst in einigen Monaten. Wo wird sie bis dahin wohnen? Wovon wird sie leben? - Ein Schicksal wie viele andere. Wir werden von der Stadt Gelder für diese Familien einfordern und selbst helfen, wo wir können. Aber alle Familien sind sehr dankbar, dass sie für unbefristete Zeit in unseren Häusern und Zentren der Pfarrei wohnen dürfen.

Das Wasser geht bereits wieder langsam zurück. Jetzt werden die enormen Ausmaße der Schäden sichtbar. Große Löcher in den Straßen, umgefallene Mauern und Wände, von den Lehmhütten blieb nur die Holzstruktur, der ganze Lehm schwamm davon. Ein unerträglicher Gestank macht sich, wo das Wasser bereits wieder ein bischen zurückgeht, in den Straßen breit. Schmutz, Dreck und als Folge die Seuchengefahr. Der zweite Schock nach dem Hochwasser wird sein, wenn die Familien wieder in ihre Häuser zurückkehren (wollen). Einige haben das Zentrum São Raimundo schon verlassen.

Drei Anmerkungen zum Schluss:

1. Hochwasser zerstört - Solidarität rettet! Solidarität, das ist das Wort und die Haltung, auch jetzt hier bei uns bei den Überschwemmungen. Wenig Geschwafel und hinlangen, hinein ins Wasser, in den Dreck. Hier lebt Kirche, hier werden Leiden gelindert, Verzweiflungen begraben, Hoffnungen verlebendigt, Schmerzen und Sorgen gemeinsam getragen.

2. Ganz im Gegensatz dazu unsere Geschwister in den Freikirchen. Eine Familie bat um Unterkunft in einer ihrer Kirchen. Sie sagten, dies sei unmöglich, denn ihre Kirche sei ein Haus des Gebetes. - Ohne Kommentar. - Ich bin stolz auf unsere Kirche!

3. Verschiedene Leute äußerten "Gott hat es so gewollt!" Ich erwiderte mit Vehemenz: "Nein!" Das alles ist Folge menschlicher Schuld: Unkontrolliertes Abholzen der Wälder, vor allem am Flussrand, Luft- und Wasserverschmutzung, allgemeine Erderwärmung, Gier nach immer mehr, Misshandlung unserer Schwester Natur. Sie hält es nicht mehr aus und antwortet. Lange genug hat sie geduldet und erduldet. Würden wir sie zärtlich mit Achtung (wie die Indianer) als ein Werk eines guten Schöpfers behandeln, würde sie auch zu uns zärtlich sein und uns mit Freude dienen. - Und Gott meint es nur gut mit uns, er hat kein Interesse, uns zu strafen, er lügt nicht, wenn er uns bestätigt, dass er als der gute Hirte aus Liebe sein Leben für uns gibt. Vielleicht kann unsere Comunidade dies in diesen Tagen ein bisschen bezeugen.