Martin Micha, ein deutscher Forstwirt in Pirapemas

28. November 2007 - Obwohl es dieses Jahr extrem heiß und trocken ist, geht es mir immer noch sehr gut in Pirapemas, und ich fühle mich schon angehend verwurzelt hier.

Nichtsdestotrotz habe ich den Eindruck, immer noch ziemlich am Anfang zu stehen im Verstehen der hiesigen sozialen Strukturen und der Denk- und Gefühlswelt der Mitmenschen.

Martins HausDank der unglaublichen Unterstützung meiner Familie und Freunde in Deutschland haben wir seit Anfang des Jahres ganz mächtig im Garten ackern können und ihn angefüllt mit Ananashecken, Schnittgras und Zuckerrohr, Leguminosenbäumen und Kakteen fuer Tierfutter, mit Obstbäumen, mit 40 kleinen Gemüsebeeten, Kräutern, einer neuen Baumschule und einer Lehmsteinproduktion für ein weiteres Haus. Wir erzeugen inzwischen eine ungeheure Vielfalt von Nahrungsmitteln für unseren Konsum und ein wenig schon für den Verkauf. Wir haben einen Hühner-/Ziegenstall gebaut und sind dabei, die Gehege zu umzäunen. Die Veranda und mein Häuschen haben wir etwas umgebaut mit luftigen Bambuswänden und anschließend das Dach neu gedeckt. Diese Woche haben wir ein Bett aus unseren Lehmsteinen gebaut und angefangen, einen großen Brennholzherd zu setzen. Als nächstes stehen unter anderem der Bau des dauerhaften Kompostklos und des Enten-/Gänsestalls an sowie einer Konstruktion zum Hochsetzen eines großen Wasserfasses, um in Zukunft die Bewässerung der Beete und Ananasreihen durch Schwerkraftverteilung des Brunnenwassers zu bewerkstelligen. Die Lehmkuhle wird zu einem Teich umfunktioniert werden. Außerdem haben wir einen halben Hektar eines nahegelegenen, verbrannten Buschlands gekauft und in mühseliger Rodung des angekohlten Gestrüpps fuer die Getreide- und Futterpflanzungen vorbereitet. Nächstes Jahr möchten wir Maultier und Wendepflug erwerben für die Arbeiten auf dem Feld und für Lasten.

Arbeit im GartenSeit diesem Jahr empfangen wir wieder zunehmend Praktikanten, weil in unserem Garten jetzt fast alle Tätigkeiten und Techniken direkt erlebt und erlernt und seine Erzeugnisse zu leckerem Essen verarbeitet werden können. Das ist für die Bäuerinnen und Bauern, die zu uns kommen mithilfe der Landarbeiterpastoral CPT, jedesmal ein unvergessliches Miterleben einer Mischung aus vollgespicktem Tagesablauf, radikal ökologischem Leben, "neuen" Techniken, Abwechslung und Nachahmbarkeit.

Daneben besteht mein Beitrag im lokalen Team der Landarbeiterpastoral überwiegend in der Fortsetzung an Teilnahme und anregender Begleitung der gemeinschaftlichen Arbeitseinsätze mutirões zusammen mit zwei organisierten Kleinbauerngruppen traditioneller Gemeinden im Kreis Timbiras.

Für die endgültige Enteignung des Landes zugunsten der Dorfgemeinde Sardinha und zur großen Erleichterung deren Bewohner hat im März dieses Jahres Präsident Lula das nötige Dekret unterzeichnet. Für die Bewohner stehen damit allerhand kleine Verbesserungen in Aussicht. Mir scheint, dass der Gruppenzusammenhalt jetzt aber erste Zersetzungserscheinungen erleidet. Die andere Gruppe im Dorf Alegria hat dieses Jahr viel Druck der örtlichen Eliten und ihrer Verbündeten standhalten müssen, sich bei Vorladungen bei Polizei und vor Gericht verteidigen müssen, ging jedoch aus dieser Erfahrung gestärkt hervor. In fast allen Fällen ging es um das Verschwinden frei umherlaufender Haustiere, die die Bauern nicht mehr in ihren Getreidefeldern dulden.

Besuch vom BischofIm August/September 2007 haben wir in Alegria eine zweite Quelle angestaut und Leitungsrohre verlegt, diesmal für die Wasserversorgung neuer Pflanzungen im Bereich um die Häuser herum. Schon ein halbes Jahr vor Baubeginn hatten wir einen kleinen, üppigen Modellgarten angelegt und seither immer Salate und diverse Gemüse gegessen. Das Maniokhaus ist inzwischen fertiggestellt und ausgerüstet, seine Tanks mit zugeleitetem Wasser einer anderen, seit letztem Jahr angestauten Quelle versorgt.

Alles in allem gingen unsere Aktivitäten zur Produktionsumgestaltung zögerlicher als letztes Jahr voran, weil andere dringliche Themen (Druckmachen bei Kolonisierungs-/ Landreformbehörde INCRA, Schäden durch Haustiere und daraus resultierende Probleme) viel Zeit und Kräfte der Teilnehmer einnahmen. Mit den Verbesserungen am Maniokhaus und mit der Versorgung mit Wasser bis an die Häuser heran kehrten zunehmend Frauen vom Stadtrand in ihr Dorf zurück. Sie sind sind jetzt animierter, lautstärker und sichtbarer am Dorfleben und bei Versammlungen beteiligt, nachdem sie bis letztes Jahr praktisch außen vor waren. Erfreulich finde ich auch das Erwachen der Jugendlichen und deren Organisierung auf Dorfebene als Kulturgruppe. Aus Anlass eines Festes in einer anderen Gemeinde mit schon längerer Widerstandsgeschichte unternahmen die Jugendlichen im Oktober einen ersten gemeinsamen Ausflug und führten dort Capoeira und Macumlêlê vor.

HausSeit Mai 2007 und bis Februar 2008 bekomme ich 500,00 R$  monatliche Unterstützung für meine Arbeit durch Spenden aus Foz de Iguaçu in Südbrasilien. Das Bistum dort unterhält eine Freundschaft mit unserem Bistum Coroatá und fördert dieses Jahr unsere Arbeit mit den Interior-Gemeinden im Sinne der diesjährigen Campanha da Fraternidade zum Thema Amazonien.

(Aus einem Brief von Martin Micha, Pirapemas, 28. November 2007)

 

 

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Martins Ökozentrum: "Niederschmetternd!" - Brasilienbrief 2009: klicken Sie hier

Ausführlicher Fotobericht zum Hochwasser von Martin Micha: klicken Sie hier

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Besuch vom Bischof

Besuch vom Bischof