÷ffentliche Moral*** - nur online

Für einen Außenstehenden ist die Bewusstseinsmischung schwer einzufühlen; sie zu erklären, bedürfte es historischer, anthropologischer und sozialpsychologischer Studien, zu denen wir nicht in der Lage sind. Zunächst fällt das fast vollständige Fehlen von Sensibilität der herrschenden Schicht für das Elend der armen Mehrheit auf. So werden selbst für die schreiendsten Proleme kaum mögliche Lösungen gesucht. Die "Elite" lebt ihre Privilegien, als ob es die Armen gar nicht gäbe; sie ihrerseits fügen sich fatalistisch in die Situation, als ob Gott es so wollte. Die wenigen Armen, denen ein Aufstieg gelingt, vergessen im Allgemeinen rasch ihre armen Gefährten von früher und übernehmen die Mentalität der Privilegierten.

Die Armen betrachten den "Reichen" als einen, der "helfen" kann, und unterwerfen sich ihm spontan. So gibt man bei Wahlen dem die Stimme, von dem erwartet wird, dass er sich durchsetzt, und muss ihm dafür helfen, den politischen Gegner auszuschalten. Durch die guten Beziehungen hofft man dann zu erhalten, was er braucht. Unter dem Mantel der Demokratie erhält sich so ein archaisches Herrschaftssystem, während die politische Bewusstseinsbildung nur langsame Fortschritte macht. Wer Wahlen gewinnt, "hilft" zwar da und dort seinen Parteigängern, aber begreift seine Autorität in keiner Weise als überparteiische Verantwortung für das Gemeinwohl. Schon gar nicht kommt es ihm in den Sinn, das Zweiklassensystem zu ändern und die Armen als Partner mit gleicher Würde und gleichen Rechten zu akzeptieren.

Fast unbegreiflich ist auch die Unfähigkeit, zwischen öffentlichem und privatem Geld zu unterscheiden: Wer über Geld verfügt, betrachtet es praktisch als seines, was  auch bei den Genossenschaften der Armen nicht wesentlich anders ist. Auch der Mann als Familienoberhaupt kommt nie auf die Idee, über seine Geldausgaben Rechenschaft abzulegen, sondern macht mit "seinem" Geld, was er will. Eine Mischung des Häuptlingswesens der Eingeborenen mit dem Chefsystem der Kolonisatoren, in dem das feudale Vasallenwesen des Mittelalters fortlebte.

Fatal ist auch die Situation der Familien. Die Sklaven konnten praktisch keine Familien gründen. Die Sklavinnen dienten ihren Herrn meist zur Vermehrung ihrer "Sklavenherde" oder zur Befriedigung ihrer Instinkte. So werden die Kinder zwar "aufgezogen", aber nicht "erzogen": Die erhalten ihr Essen, um sie ans Haus zu binden, aber auch Schläge und Strafen, um sie zu zähmen und Fehlverhalten zu unterbinden; das erzieherische Gespräch fehlt fast völlig. Der Mann herrscht fast diktatorisch über Frau und Kinder, verfällt oft dem Alkohol, erlaubt sich den Umgang mit anderen Frauen, ist aber fähig, Frau und Töchter umzubringen, wenn sie sich ähnliche Freiheiten nähmen.

Diese Mentalität erklärt die allgemein herrschende Korruptivität der politischen Verwaltung. Sie wird vom politischen Gegner und der Presse nur schwächlich bekämpft, zumal die Kommunikationsmittel fast vollständig in den Händen der Mächtigen sind. So gibt es in den Fortsetzungsserien des Fernsehens praktisch keine moralischen Barrieren, als ob es überhaupt kein 6. oder 7. Gebot gäbe; versteckt unter einem Mantel scheinbarer Korrektheit und Scheinheiligkeit, als ob es auch kein 8. Gebot gäbe.

Ernste politische Anstrengungen, dies zu ändern, gibt es kaum. Auch das Rechtswesen, geprägt durch die gleiche Mentalität, ist von politischen und finanziellen Interessen beherrscht und lässt die Missstände meist ungestraft. Es braucht historische Geduld, um etwas mehr Evangelium in diese Zustände zu bringen. Wen wundert es da, dass die Bemühungen der Kirche von den Herrschenden, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zunächst nur als störend und feindselig empfunden werden.

(Bischof Reinhard im Fünfjahresbericht nach Rom)

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