Com fogos e bandeiras - Kommunalwahlkampf auf Brasilianisch ***

Bei unserem diesjährigen Besuch in Coroatá im Oktober dieses Jahres hatten wir Gelegenheit, die Endphase des Kommunalwahlkampfes mitzuerleben. Vor vier Jahren war zum ersten Mal in Coroatá ein Farbiger zum Bürgermeister (prefeito) gewählt worden und damit an die Stelle der Mitglieder oder Günstlinge des Murad-Clans getreten, Angehörigen der weißen wohlhabenden Oberschicht, die nur ihre eigenen Privilegien sichern wollten und kein Interesse daran hatten, die wirtschaftliche und soziale Lage der großen Mehrheit der farbigen Bewohner Coroatás zu verbessern.

Wenn man das deutsche Parteienschema im Kopf hat, wird man durch die Vielzahl der in Brasilien existierenden Parteibezeichnungen, für die im Übrigen stets nur das Buchstabenkürzel verwendet wird, zunächst ziemlich verwirrt. Eine christlich-demokratische Partei deutscher Prägung sucht man dort vergeblich. Für Christen wählbar erscheinen daher nur solche Parteien, die sich selbst als Arbeiterpartei oder als sozialistische Partei bezeichnen und damit zum Ausdruck bringen, dass sie sich für die Interessen der armen Bevölkerung einsetzen wollen. Anders als in manchen anderen Ländern Lateinamerikas verstehen sich diese Parteien nicht als antikirchlich, sondern sind als Ansprechpartner für die Anliegen der katholischen Kirche grundsätzlich offen und zur Zusammenarbeit bereit.

Der brasilianische Wahlkampf erscheint uns ausländischen Beobachtern als (noch) oberflächlicher als in Deutschland. Ins Auge fallen zunächst die großen Kreise mit zwei- oder mehrstelligen Ziffern, die auf viele Mauern und Hauswände gemalt oder auf bunten Fahnen an vielen Hausdächern und Masten zu sehen sind. Hintergrund ist, dass in Brasilien mit Wahlmaschinen gewählt wird, bei denen anstelle des Namens des Kandidaten eine für diesen stehende Nummer eingegeben werden muss. Eine weitere Besonderheit sind die Autos, Motorräder und sogar LKWs (sog. carros de som), die mit großdimensionierten Lautsprechern durch die Straßen fahren, aus denen Wahlslogans und umgedichtete Wahlkampfsongs erschallen, deren Texte die Vorzüge des jeweiligen Wahlbewerbers anpreisen.

Wir haben an der Abschlusskundgebung des Wahlkampfes des amtierenden und wieder gewählten Bürgermeisters Luís de Amovelar (sinngemäß zu übersetzen mit "Luís vom Möbelgeschäft") teilgenommen, auf dessen Liste auch Maria Baiano, die Direktorin der Diözesanschule, für ein Stadtratsmandat kandidierte. Eine begeisterte Menge jubelte, angefeuert von den Wahlkampfhelfern, Luís als dem großen Hoffnungsträger zu. Dazu erschallten aus den Lautsprechern die Wahlkampfsongs in für europäische Ohren fast unerträglicher Lautstärke. Auf dem Höhepunkt des Abends wurde die Bühne durch bengalische Feuer eingenebelt, während gleichzeitig auf der rückwärtigen Seite eine Armada von Feuerwerkskörpern explodierte. Erstmalig präsentierte der Bürgermeisterkandidat ein ausführliches Wahlprogramm, in dem er vor allem im Bildungsbereich umfangreiche Verbesserungen ankündigte.

Luís wurde mit einem Vorsprung von über 2000 Stimmen wieder zum Bürgermeister gewählt. Maria Baiano schaffte leider nicht den Sprung in das Stadtparlament. Sie hatte versucht, nur mit demokratischen und gesetzlichen Mitteln die Wähler für sich zu gewinnen. Damit war sie leider von Anfang an fast chancenlos. In Brasilien wird nur gewählt, wer entweder durch Geldgeschenke und Gefälligkeiten die Wähler für sich einnimmt oder sogar durch direkte Geldzahlungen deren Stimmen kauft. Dieses Phänomen wird von den Kritikern mit Recht als Teil der in Brasilien weit verbreiteten Korruption angesehen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Ausgang der Kommunalwahlen in Coroatá positiv zu bewerten ist. Der alte und neue Bürgermeister hat begonnen, die Infrastruktur zu verbessern und es hat den Anschein, als fühle er sich dem Wählervotum verpflichtet, zur Verringerung von Armut und Rückständigkeit in Coroatá beizutragen. Es gibt Zeichen der Hoffnung, an die wir gerne glauben wollen!

(Bogislav und Jesko Baller)

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