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Von unseren Partnern - Jugendbegegnung Münster - Timbiras Erfahrungsbericht*** - nur online PDF Drucken E-Mail

Für unsere Reise hatten wir uns einen sehr intensiven kulturellen, aber auch sozial-, politischen Austausch gewünscht. Wir wollten die Lebensrealität unserer Freunde nicht nur aus ihren Erzählungen und Medien kennen lernen, sondern selbst erleben, wie sich ihr Alltag gestaltet und wovon er beeinflusst wird. Außerdem war uns wichtig, bei den im Jahr 2006 gemeinsam entwickelten Projekten mitzuarbeiten und zu erfahren, welche Probleme es gibt/gab und welche Dinge gut laufen.

Die gesamten Informationen sollten im Anschluss der Reise zu einem Film über die Lebensrealität unserer Freunde zusammengetragen werden.

Um unsere Ziele zu erreichen, haben wir in Gastfamilien gewohnt. Nur so war es möglich, das Familienleben und die Tagesabläufe der Brasilianer zu erleben. Die Gastfreundschaft, mit der wir aufgenommen wurden, war unglaublich groß und alle Türen waren immer für uns geöffnet. Sprachbarrieren wurden schnell überwunden oder gar nicht erst aufgebaut, denn jede Familie hatte ihre eigenen Kommunikationstechniken entwickelt.  Einige der ehemaligen Teilnehmer/Innen verfügten zudem über so gute  Portugiesischkenntnisse, dass auch tiefer gehende Gespräche möglich waren. Gesprächsstoff war u.a. die Arbeitseinteilung innerhalb der Familie, die insbesondere den Teilnehmerinnen aufgefallen war.  Es ist zum Beispiel oft selbstverständlich, dass Kinder mit zwölf Jahren für die gesamte Familie waschen, kochen und putzen müssen, auch wenn dann keine Zeit mehr für Freunde bleibt. Die großen Geschwister kümmern sich immer um die Kleinen. Genauso ungewohnt war die Größe der Gastfamilien. Fast in jeder Familie wohnen nicht nur Eltern mit Kindern, sondern häufig auch andere Personen, wie Cousin und Cousine oder Tante und Onkel. Eine Familie besteht demnach meistens aus 6-12 Personen. Es war eine tolle Erfahrung, Teil dieser Familien zu werden, manchmal aber auch sehr anstrengend.

Die Begegnungen und Gespräche zwischen den deutschen und brasilianischen Jugendlichen waren sehr schön und interessant. Viele kannten sich schon durch die vorangegangenen Jugendbegegnungen in Deutschland und Brasilien. So basierte diese Begegnung nunmehr auf Freundschaft, die auch kritische Fragen über die jeweilige Lebenswelt zuließ. Gleich zu Beginn unseres Aufenthalts zeigten wir unseren Film über die Lebenssituation in Münster. Er sorgte an einigen Stellen für Verwunderung und Diskussion, als deutlich wurde, dass es auch in Münster Bettler gibt und fehlende Bildung in Deutschland ebenfalls ein Grund für Arbeitslosigkeit ist. Verwirrung und Unglauben stellte sich ein, als unsere brasilianischen Freunde erfuhren, dass es in Münster einen Tierfriedhof gibt, der genauso wie ein Friedhof für Menschen aussieht.

Aber auch uns wurden die großen Unterschiede zwischen unseren beiden Lebensrealitäten bewusst.  

Timbiras gehört zu den hundert ärmsten Gemeinden Brasiliens. Wir wollten mit unseren brasilianischen Freunden herausfinden, warum das so ist und wer dafür verantwortlich ist. Schon im Vorfeld hatten wir mit unserer brasilianischen Partnergruppe überlegt, mit welchen Begebenheiten wir uns dafür in Timbiras beschäftigen sollten. Wir kamen überein, folgende Einrichtungen, Initiativen und Menschen zu besuchen:

Krankenhaus, Mülldeponie, Wasserwerk, Bauern im Interior (Hinterland), vom Land vertriebene Menschen, Kooperative der Babacunussschlägerinnen, CPT (kirchliche Organisation zur Unterstützung von Landlosen), Schule, Kindergarten, Nachhilfeprojekt und das Institut Carolina (Verein, der sich für die Rechte von behinderten Kindern und Erwachsenen einsetzt).

Wir erfuhren, dass in Timbiras keine Rechtsstaatlichkeit herrscht und Korruption und Menschenverachtung an der Tagesordnung sind. Die Stadtverwaltung ist Hauptarbeitgeber in Timbiras und Arbeit bekommt nur der, der auch den amtierenden Rat und Bürgermeister gewählt hat. Wer sich "politisch nicht korrekt" verhält, wird entweder entlassen oder gar nicht erst eingestellt. Dieses trifft auch auf nahe und ferne Verwandte der betroffenen Person zu.

In allen wichtigen Einrichtungen der Stadt sitzen Freunde oder Verwandte der herrschenden Politiker. So auch im Krankenhaus. Bei der Besichtigung des Krankenhauses wurde schnell offensichtlich, dass weder die Basisversorgung der Kranken (Anwesenheit des Arztes, Medikamente) garantiert ist, noch ein freundlicher Umgang mit den Patienten gepflegt wird. Das anschließende Gespräch mit der verantwortlichen Krankenhausleiterin empfanden wir als Farce, da sie die Situation absolut beschönigte und den menschenfreundlichen Umgang mit den Patienten pries.

Auch für unsere brasilianischen Freunde war die Auseinandersetzung mit der Lebenssituation in Timbiras wichtig. Nicht alle hatten sich mit den Ursachen von Armut beschäftigt und manche Lebenssituationen, die wir antrafen, waren einigen Jugendlichen auch nicht bekannt. So rief die Tatsache, dass es Menschen in Timbiras gibt, die auf der Müllhalde nach Essbarem suchen, nicht nur bei uns Unglauben und Entsetzen hervor.

Durch das Gespräch mit einer Mitarbeiterin der CPT (kirchliche Organisation, die sich für die Landrechte vertriebener Bauern einsetzt), den Besuch einer Gemeinde im Interior und Gesprächen mit Familien, deren Angehörige auf den Zuckerrohrfeldern in Ribeiro Preto Sao Paulo arbeiteten, wurde uns allen bewusst, wie eng das Schicksal vieler Menschen aus Timbiras mit dem Leben bspw. in  Europa verwoben ist.

Nicht zuletzt die europäische Nachfrage nach alternativen Kraftstoffen hat zu einem Zuckerrohrboom in Brasilien geführt. Jährlich gehen 7000 junge Männer (18 – 30 Jahre) aus Timbiras (Einwohnerzahl: 26000) für zehn Monate zum Zuckerrohrschlagen nach Ribeiro Preto Sao Paulo. Jeder unserer Freunde hat dort einen Bruder oder Cousin, der unter sklavenähnlichen Bedingungen dort arbeitet, um sich und seine Familie ernähren zu können.

Während Millionengewinne mit Ethanol gemacht werden, erhalten die Arbeiter höchstens ein bis zwei Mindestlöhne pro Monat (1 Mindestlohn = 380 Reais = ca. 135 Euro). Der Wert dieses Einkommens verringert sich aber, da die Preise für Grundnahrungsmittel in den letzten zwei Jahren deutlich gestiegen sind. Es gibt weniger Anbaufläche für Reis, Maniok und Bohnen, da viele südbrasilianische Großgrundbesitzer oder Firmen ihr Land im Süden an die Zuckerrohrfirmen gewinnbringend verkaufen und sich dann mit ihren Produkten z.B. Kaffee, Viehzucht oder Soja in Maranhao, also auch in Timbiras, ansiedeln.  Dafür werden dann die Kleinbauern und ihre Familien (unsere Freunde sind Abkömmlinge dieser Familien) von ihrem Land vertrieben und der Wald mit seinem ökologischen Reichtum und der Bedeutung auch für das Weltklima zerstört.

Solch eine Ungerechtigkeit machte uns zuweilen sprachlos. Es überwog aber der Wunsch, gemeinsam etwas zu verändern. Da wir  auch während unseres Aufenthaltes in Timbiras die Auswirkungen von Korruption und Ungerechtigkeit "selbst" zu spüren bekamen, überlegten wir uns umgehend und konkret, wie wir dagegen vorgehen können.

Eines der Projekte, das wir finanziell unterstützen, ist das Fliesenkleberprojekt. Fünf Freunde unserer Partnergruppe entwickelten diese Produktionsidee und bauten, nachdem sie vom Rat der Stadt die Zusicherung erhalten hatten, den erforderlichen Strom zu bekommen, eine kleine Fabrik. Die Fabrik ist zwar seit mehreren Monaten fertiggestellt, aber die Bürgermeisterin weigert sich, trotz massiver Proteste unserer Freunde, Strom dorthin zu verlegen. Dieser würde auch einem ganzen Wohnviertel zugute kommen, welches bisher noch nicht am allgemeinen Stromnetz angeschlossen ist. Unsere Freunde vermuten, dass die offene oppositionelle Haltung einiger Mitglieder unserer Partnergruppe gegenüber dem Rat der Stadt und der Bürgermeisterin dafür verantwortlich ist. Gemeinsam haben wir die Bürgermeisterin um ein Gespräch gebeten. Erst durch einen Zufall bekamen wir die Chance, ihr unser Anliegen vorzutragen. Sie sicherte uns zu, den Strom noch während unseres Aufenthalts legen zu lassen und ließ sich auch von uns mit diesem Versprechen filmen. Natürlich setzte sie dieses Versprechen nicht um und so wandten wir uns an den zuständigen Staatsanwalt von Timbiras, der nicht korrupt ist, und suchten gemeinsam nach Möglichkeiten, den erforderlichen Strom zu bekommen. Mittlerweile liegt dieser Antrag zur Stromverlegung für das Stadtviertel und das Fliesenkleberprojekt dem Landtagsabgeordneten der Regierungspartei (PT) vor, und wir hoffen, durch eine gemeinsame Kampagne in Timbiras und Münster auf die Entscheidung Einfluss nehmen zu können. Gleichzeitig überlegten wir schon in Timbiras, ob der Einsatz von alternativer Energie, z.B. Solarenergie, nicht eine Möglichkeit wäre, die Abhängigkeit von der Politik zu verringern. Ein gutes Beispiel hierfür gibt es in einer Gemeinde im Interior von Timbiras.

Das Fliesenkleberprojekt gehört zu einem vieler Projekte des Vereins „arco-iris“ (www.arco-iris-web.de). Dieser Verein ist als Konsequenz aus den vorangegangenen Jugendbegegnungen auf brasilianischer und deutscher Seite entstanden. Unter seinem Dach haben sich in Timbiras mittlerweile die Vertreter/Innen verschiedener sozialer Projekte zusammengefunden. Es geht dem Verein nicht nur um konkrete Unterstützung bei der Verwirklichung ihrer Projektziele, sondern auch um politische Bewusstseinsbildung mit dem Ziel, die soziale Situation in Timbiras nachhaltig zu verbessern. Deshalb arbeitet der Verein auch mit anderen Nichtregierungsorganisationen wie IAC, CPT und dem Staatsanwalt zusammen.

Das Lernspielprojekt gehört auch zum Verein arco-iris. Für uns war es sehr interessant, zu sehen, wie dieses Projekt sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Wir bekamen mit, dass die Lernspiele immer mehr gefragt sind und dass sich das Sortiment der Spiele um brasilianische Spiele erweitert hat. Gleichzeitig wurden wir aber auch aufmerksam auf die alltäglichen Probleme, mit denen die Mitarbeiterinnen konfrontiert sind. So konnten z.B. Aufträge nicht zufriedenstellend umgesetzt werden, da es schwierig war, schnell an geeignete Materialien zu kommen und es an geeignetem Werkzeug fehlte. Gemeinsam überlegten wir, wie diese Schwierigkeiten behoben werden können.

Wir nahmen auch an einem Schulprojekt der Lernspielgruppe teil. Hierbei fördern die Mitarbeiterinnen des Projekts, gegen Bezahlung, Kinder einer Grundschule, mit dem Ziel ihre Konzentrations- und Wahrnehmungsfähigkeiten zu verbessern. Nach Abschluss der Förderstunden werden dann die Spiele von der Schule gekauft und im Unterricht eingesetzt.

Jeder aus unserer Gruppe hat sicherlich schon einmal Ungerechtigkeit erfahren, aber wirklich zu erleben, dass Menschen andere Menschen einfach nicht ernst nehmen oder als wertlos betrachten, war für viele ein niederschmetterndes Gefühl. Gerade deswegen waren wir völlig fasziniert davon, wie die Menschen in Timbiras trotzdem noch so viel Hoffnung und Lebensfreude in sich haben und uns sogar damit anstecken konnten. Dieses ansteckende Feuer haben wir besonders beim Tanzen gespürt. Unsere Freunde brachten uns ihre Kultur näher, indem sie uns ihre Tänze wie Capoeira, Quadrilha, Forro, Samba usw. beibrachten. Auch lernten wir die traditionellen religiösen Tänze, danca de creola und Ubanda kennen und bemerkten, dass die afrikanischen und indianischen Traditionen noch viel Einfluss auf das Leben der Menschen in Timbiras haben.

Lange haben wir überlegt, wie wir unsere Erlebnisse und Eindrücke am Besten vermitteln können, ohne dass dabei der Eindruck entsteht, dass wir nur Leidensgeschichten und die fatale soziale und politische Situation in Timbiras kennen gelernt haben. Uns ist besonders wichtig, gerade die Hoffnung, die Freude und das Feuer der Brasilianer zu vermitteln. Deshalb haben wir uns überlegt, selbst brasilianische Tänze vorzuführen und dann Tanzworkshops für Jugendliche, Kinder und Erwachsene anzubieten. Dafür treffen wir uns seit unserer Rückkehr in Münster zweimal pro Woche. Außerdem stellen wir, neben unserem Film über Timbiras, eine Zeitung her, in der wir alle schönen sowie auch die nicht so schönen Seiten Timbiras darstellen. Film, Tanz und Zeitung werden wir bei Veranstaltungen in der Gemeinde und in Schulen einsetzen. Wir hoffen, damit auch neue Jugendliche für unsere Brasiliengruppe zu gewinnen. Dabei sollen insbesondere Jugendliche im Alter von 14 Jahren angesprochen werden. Drei Teilnehmer/Innen unserer Brasiliengruppe entwickeln für diese Altersgruppe ein spezielles Angebot, das auch die Vorbereitung des nächsten Gegenbesuchs in zwei Jahren zum Thema hat.

Über unsere persönlichen Eindrücke haben wir uns intensiv während unserer Gruppentreffen ausgetauscht. Bei einem Nachbereitungstreffen mit einem Referenten, der lange in Brasilien gearbeitet hat, wurden insbesondere unsere Fragen und entstandene Missverständnisse thematisiert. Dabei wurde auch deutlich, dass gelungene interkulturelle Verständigung ein langwieriger Prozess ist.

(Eleana Artz, Teilnehmerin)

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Letzte Aktualisierung:
11. Januar 2016

































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